Ich bin meines Vaters Sohn.

Mein Dad stammt aus der Türkei. Ziemlich einzigartiger Typ, mittlerweile schon über 80 Jahre alt. Es gibt einige Dinge an ihm, die ich noch nie mochte. Einiges, das mich verwundert. Einiges, das ich ziemlich cool finde. Und dann gibt es Dinge, die ich schlicht und ergreifend nicht verstehe.

Als ich klein war, fand ich ihn ziemlich cool. Ich durfte tun und lassen, was ich will und dafür hielt er seine schützende Hand über mich, sodass mir keines meiner Geschwister ans Leder konnte, ohne Vergeltungsaktionen befürchten zu müssen. Mein Vater ist es auch, von dem ich mein Schandmaul habe. Doch, doch, ist wahr! Bereits als Kind beeindruckten mich seine Fäkalstürme, die er in unregelmäßigen Abständen von sich gab, zutiefst. Manchmal dauerten diese eine geschlagene Viertelstunde, ehe er wieder Luft holte. Die Frage, was ihn denn da so aufbrachte ist weniger relevant als die Tatsache, dass er es schaffte, in dieser Zeit keine einzige Beleidigung ein zweites mal auszusprechen. Sein Schimpwort-Arsenal war und ist ziemlich beeindruckend.

So kam es auch, dass eigentich nie wirklich Diskussionen bei uns daheim aufkamen, wie es in türkischen Familien, wenn Besuch da ist, so vorkommt. Die meisten wussten, dass gegen die geballte Argumentationskraft meines Vaters, notfalls auch unter Zuhilfenahme heftigster Kraftausdrücke, kein Kraut gewachsen war. Und diejenigen, die es dennoch versuchten, schlichen danach mit eingezogenem Schwanz von dannen und zogen es vor lange Zeit nicht aufzutauchen, wenn sie sich denn überhaupt jemals wieder bei uns blicken ließen.

Damals fand ich das echt verdammt klasse. Keiner machte meinen Dad dumm an.

Die Kehrseite dieser Medaille ist, dass der Freundes-/Bekanntenkreis meiner Eltern in den letzten 40 Jahren einen massiven Schwund aufweist. Letzten Endes kann nicht jeder mit dieser „My way or the highway“ Philosophie umgehen. Langjährige Freundschaften gingen auf diese Weise zu Bruch, was ich irgendwann zu bedauern begann, da ich einige dieser Bekannten eigentlich ganz gut leiden konnte. Aber sie hatten ihre Wahl getroffen. Damit waren sie für meinen Vater kein Thema mehr. Und wer sich einmal zur anderen Seite der Macht bekannte, für den gab es kein Zurück.

Das fand ich dann irgendwann ziemlich Scheiße.

Ich begann meinen Vater deswegen zu kritisieren. Weil er keine anderen Meinungen gelten lässt. Weil er nicht akzeptiert, dass freundschaftlicher Umgang nicht zwangsläufig bedeutet, dass man der gleichen Meinung sein muss. Er akzeptierte nicht, dass man sich darüber einig sein kann, sich uneinig zu sein. Die Tatsache, dass er letzten Endes keine Sekunde zögert, eine langjährige Bekanntschaft wegen eines nichtigen Grundes in die Wüste zu schicken, ließ mich einige Zeit lang verständnislos den Kopf schütteln.

Dann musste ich aber mal kurz überlegen. Und schlucken.

Keine Sekunde lang kam mir der Gedanke, dass ich ihm in all diesen Dingen so ähnlich sein könnte, dass es schon beinahe peinlich ist. Ich kritisiere Dinge an ihm, die ich selber haargenau auf die gleiche Art und Weise handhabe. Dir passt nicht, was ich sage? Dort ist die Tür. Plain and simple. Dass wir uns dabei vielleicht schon jahre- oder jahrzehntelang kennen, spielt für mich nicht die geringste Rolle. My way, or the highway.

Dass ich ihm so ähnlich bin, ohne dass mir das aufgefallen wäre, war echt eine Erkenntnis, die mich einige zeitlang ziemlich beschäftigt hat. Letzten Endes habe ich mich damit abgefunden, dass ich tatsächlich der Sohn meines Vaters bin. Nicht nur in dieser Hinsicht.

Wir werden älter und versuchen vieles anders als unsere Eltern zu machen. Mit dem Resultat, dass wir ihnen immer ähnlicher werden. Gebt euch also nicht der Hoffnung hin, dass ihr alles anders oder besser machen werdet.

Not. Going. To. Happen.

Ein Gedanke zu „Ich bin meines Vaters Sohn.

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